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Dünn gelaufen

Ich liege auf dem kalten Boden im Bad des Hotels, die Beine an mich gezogen. Mein Bauch schmerzt furchtbar und ich kann nicht mehr klar denken. Ich hebe meine Hand nach oben um mich am Waschbecken hoch zu ziehen, doch alles was ich zu fassen bekomm ist ein kleiner Handspiegel. Er fällt auf den Boden und zerbricht. Drei große Scherben liegen nun neben mir. Meine dünnen Finger greifen danach. Ich dreh mich auf den Rücken und heb die Scherbe so dass ich mich selbst darin sehen kann. Bin das wirklich ich? Nein, das kann nicht sein. Ich will die Scherbe wieder wegschmeißen doch ich umklammere sie nur noch mehr. Ein Tropfen Blut läuft an meinem Spiegelbild hinunter. Was ist aus mir geworden? Wie konnten Menschen so etwas als Schön bezeichnen. Jetzt weiß ich warum ich alles verloren habe. Alles fing damit an, dass ich mich mal wieder total peinlich machte. Mit meiner Freundin Lisa war shoppen angesagt. Begeistert steuerten wir auf unsere Lieblings Laden zu. Wie immer machten wir uns auf die Suche nach Klamotten für die andere. Als jeder von uns etwas gefunden hatte, trafen wir uns vor den Kabinen und tauschten die Klamotten. In dem Laden war nicht viel los, also machte ich mir keine Gedanken darüber ob jemand draußen vor den Kabinen war. Ich hatte grad ein Hemd anprobiert und wollte es Lisa zeigen. Sie hatte das Hemd ein paar Nummern zu klein geholt. Mit Absicht, wie ich sie kenne. Aber um ihr den Gefallen zu tun, wollte ich ihr es präsentieren. Ich bat sie aus ihrer Kabine zu kommen und mich laufen zu sehen. Als sie sagte sie stände draußen, zog ich den Vorhang zur Seite und legte einen Walk hin. Kurz vor ihr blieb ich stehen und machte eine Pose. Plötzlich fing jemand an zu klatschen und es hörte sich an als würden es immer mehr werden. Ich war schockiert als ich mich umdrehte und dort zwei Verkäuferinnen und drei Kunden standen und klatschten. Einer davon, er war anscheinend mit seiner Mutter einkaufen, war ein Junge in meinem Alter. Er war ganz süß. Doch er hatte ein dickes Grinsen im Gesicht. „Oh mein Gott!“ sagte ich mehr zu mir als zu den anderen. Ich drehte mich um und ging in die Kabine zurück. Dort schaute ich mich im Spiegel an. „Oh mein Gott“, sagte ich nochmals. Wie peinlich war das denn gerade? Ich kam mir vor wie in einem Film, dann betrachtete ich mich im Spiegel. Erst mein Ovales Gesicht mit den blau-grauen Augen die den perfekten Abstand hatten und dazwischen meine Nase, sie war eher dünn, aber nicht zu dünn und hatte etwas von einer Stupsnase, wie mein Vater es gerne nannte. Mein Mund war von mittlerer Größe und die Lippen waren nicht zu voll. Meine Stirn wurde von meinem Pony verdeckt. Der Rest der braunen welligen Haare fiel bis unter meine Brust. Dort blieb mein Blick hängen. Ich war damit nicht zufrieden auch wenn andere oft meinte sie wäre perfekt. Mit meiner Figur konnte ich mich zeigen und auch meine Beine waren nicht von schlechten Eltern. Vorsichtig schielte ich aus der Kabine. Puh, niemand mehr da. Schnell zog ich das Hemd aus und mein eigenes wieder an. Plötzlich ging der Vorhang auf. Vor Schreck ließ ich einen Schrei. Doch es war nur Lisa. „Wow Sam, da haste aber ein paar Leute mit deiner Show beeindruckt.“ Show, wie sich das anhörte. „Das war keine Show, nur total peinlich!“ Lisa kicherte. Ich verdrehte die Augen und musste grinsen. „Warum passiert so was immer mir? Der Typ der da stand war voll schnuckelig und ausgerechnet dann muss mir so etwas passieren.“ Schon wieder kicherte Lisa und diesmal mit einem fetten Grinsen im Gesicht. „Was?“ Sie wusste dass ich dieses „unheimliche Grinsen“ nicht ausstehen konnte, weil ich dann wusste, dass sie etwas weiß was ich noch nicht wusste. „Los sag schon“, drängte ich sie als sie immer noch kein Ton gesagt hatte. Die Antwort war eine kleine weiß-rote Visitenkarte. „Young and free“ Agentur für junge Models. Verwundert schaute ich Lisa an. „Das hat mir die Frau die neben dem süßen Typen stand in die Hand gedrückt.“ Ich überlegte. „Die Rechte oder die Linke?“ „Ich weiß nicht. Ich weiß nur dass sie, nachdem die Anderen sich wieder ihrem Einkauf gewidmet haben, sie neben mir stand und mir die Karte in die Hand drückte und meinte du solltest dich melden.“ Ich soll mich bei einer Modelagentur melden?! „Du… du nimmst mich auf den Arm!“ Lisa schüttelte den Kopf. „Ich hab dir schon immer gesagt dass du das Zeug fürs modeln hast.“ Da musste ich ihr Recht geben. Immer wenn wir hier waren um Klamotten anzuziehen machte sie mir Komplimente. Aber ob das für den Laufsteg wirklich reicht? Ich mein eigentlich wäre es ja schon eine coole Sache. Was wohl meine Eltern dazu sagen? Als könnte Lisa meine Gedanke lesen sagte sie: „Deine Eltern bekommen wir bestimmt überredet, falls sie es dir nicht erlauben… was ich mir, wie ich deine Eltern kenne, nicht vorstellen kann.“ Sie hob ihre Tasche, die sie vorher auf den Boden gestellt hatte, hoch und stieß mich mit ihrer Schulter an. „Na los, ich muss noch zahlen bevor die schließen.“ Ich lag in meinem Bett und hielt die Visitenkarte in der Hand. Sollte ich das wirklich machen? Würden Mama und Papa denn überhaupt ja sagen? Wie würde es mit der Schule weiter gehen? Ob ich wohl auch in andere Länder komme? Das waren die Fragen die mir durch den Kopf schossen. Es war inzwischen halb elf und ich war immer noch hellwach. Leise klopfte es an meiner Tür und sie ging ein Spalt breit auf. „Sam, ich kann nicht schlafen.“ Mein kleiner Bruder hatte seinen Kopf durch den Spalt gehoben und schaute mich flehend an. Ich klopfte auf mein Bett und er kam an gehüpft. Die Visitenkarte legte ich zur Seite. Dann machte ich es mir bequem und mein kleiner Bruder kuschelte sich an mich. „Gute Nacht“, flüsterte er noch leise, dann war er schon eingeschlafen. Ich schaltete mein Nachttischlampe aus und schloss die Augen.
6.9.13 18:39
 
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